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Zwölf Tonnen Apfelbrei auf italienischen Raststätten

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Als ich ein Kind war, fuhren meine Eltern jedes Jahr im Sommer mit meiner Schwester und mir an die Ostsee. Die Fahrt konnte je nach Stausituation gerne mal sechs oder mehr Stunden dauern. Um sie für die Kinder angenehm zu gestalten, wurden im Fußraum Kissen und Decken ausgelegt, wodurch ein Kind auf der Rückbank und eins im Fußbereich bequem liegen und schlafen konnte. Diese Urlaubsfahrten haben sich in meinem Gedächtnis niedergelassen und werden es vermutlich nie wieder verlassen. Auf dem Boden des Autos liegen, die Augen geschlossen halten, vor sich hindösen und den Reifen dabei zuhören, wie sie sich mit hoher Geschwindigkeit auf dem Asphalt drehen, ist ein Geräusch, an das ich mich gerne erinnere.

An andere Teile der Fahrt dagegen nicht. Ich litt an einer Reisekrankheit, die dafür sorgte, dass ich die Nahrungsmittel, die ich vor Fahrtantritt aufgenommen hatte, kurze Zeit später durch den Mund wieder von mir gab. Selbst Tabletten gegen den Brechreiz fanden den gleichen Ausgang. Nichts schien zu helfen, aber irgendwie hatten wir uns alle daran gewöhnt. Ich wusste, dass mir irgendwann schlecht werden würde, wusste aber auch, dass meine Eltern jederzeit die nächste Raststätte anfahren und mich meinen Magen leeren lassen würden. Warum ein großes Drama aus einer Sache machen, die man nicht ändern kann?

Die Reisekrankheit habe ich zum Glück etwas unter Kontrolle bekommen. Je nachdem, mit wem ich fahre, wird mir mal mehr, mal weniger schlecht. Ohne weiter ins Detail zu gehen, kann ich behaupten, dass die Reisekrankheit Schuld daran ist, dass ich mich nie für Autos interessiert habe. Autos sind für mich Fortbewegungsmittel, die zwar praktisch sind, mich aber gleichzeitig an den Geschmack von erbrochenen Apfelstückchen zwischen den Zähnen erinnern. Und das sagt jemand, der ein paar Jahre lang bei Mercedes gearbeitet hat.

Der Vorteil am »Euro Truck Simulator 2« ist, dass mir während der Fahrt nicht schlecht wird. Ich kann beim Spielen sogar Äpfel essen, was für euch vermutlich eine total kleine, für mich aber total große Sache ist. Warum Äpfel und Autofahren für mich zwei vollkommen unvereinbare Dinge sind, habe ich nie verstanden. Ist es die Säure? Oder der Umstand, dass zerkauter Apfelbrei sowieso schon aussieht wie Erbrochenes? In dieser Hinsicht kenne ich mich aus. Zu einer vernünftigen Urlaubsfahrt gehörte eine Runde »Finde den Unterschied zwischen Erbrochenem und Apfelbrei auf dem Boden einer Raststätte« einfach dazu. Vielleicht erklärt das auch meine Faszination an Wimmelbildspielen? Wie ich mich immer gefreut habe, ein Stück Salami vom Vortag im Apfelbrei entdeckt zu haben. Hach ja. Früher war einfach alles besser.

Durch »Euro Truck« ist es mir möglich, die Erinnerungen an vergangene Urlaubsreisen erneut zu durchleben. Sitze ich im Fahrerhaus und höre die akustische Kombination aus Reifen und Asphalt, muss ich grinsen. Es ist ein bisschen wie früher, nur sitze diesmal ich am Steuer. Dadurch kann ich mich zwar nicht mehr auf den Boden legen und die Augen schließen, dennoch ist das Erlebnis schön. Ich finde es immer wieder beeindruckend, wenn es Videospielen gelingt, Erinnerungen in mir zu wecken. »Euro Truck« ist da bisher am effektivsten. Es ist ein bisschen wie meditieren. Statt auf die Atmung konzentriere ich mich auf die Straße und die Geräusche. Das sanfte Klicken des Blinkers, das hin und wieder lauter werdende Brummen, wenn die Räder den Seitenstreifen der Autobahn streifen. Entspannung pur.

Es gibt aber auch andere Tage. Tage ohne Entspannung. Tage, an denen man versteht, was es bedeutet, ein echter LKW-Fahrer zu sein, unter Zeitdruck zu arbeiten und das Gefühl zu haben, dass sich das gesamte Straßennetz Europas gegen einen verschworen hat.

Die Entwickler von »Euro Truck« haben unter dem Namen »World of Trucks« (»WoT«) eine eigene Community aufgebaut. Den dort erstellten Account kann man mit »Euro Truck« synchronisieren und erhält so Zugriff auf exklusive Lieferungen, Statistiken und Belohnungen. Die angebotenen Aufträge haben ein Zeitlimit. Nimm sie an und du hast zwölf Echtzeitstunden, um sie zu erledigen. Manchmal sind es nur vier, dann wiederum vierundzwanzig. Wichtig ist, dass man plötzlich die echte Welt berücksichtigen muss, wenn man einen Job annimmt. Aufträge, die nicht über »WoT« laufen, haben keine Echtzeitkomponente. Annehmen, die Hälfte der Strecke fahren, abspeichern, ausmachen und das Spiel erst in drei Jahren wieder starten? Kein Problem. Bei »WoT«-Aufträgen ist das nicht so. Schafft man es nicht, sie innerhalb des vorgegebenen Zeitlimits abzuliefern, zählen sie als gescheitert und landen unter dieser Kategorie in den Statistiken. Das will niemand.

Zeigt mir das Navi meines LKWs an, dass ich noch eine Stunde bis zum Ziel benötige, entspricht das umgerechnet etwa einer Spielzeit von vier Minuten. Das ist die grobe Umrechnung, mit der ich überlege, ob ich einen »WoT«-Auftrag annehme oder nicht. Für eine Lieferung, die mich 27 Stunden lang durch Europa führt, brauche ich somit etwa 108 Minuten. Ein solcher Auftrag erwartete mich eines Tages, als ich einen Bagger von Stuttgart nach Messina in Süditalien transportieren sollte. Ich nahm ihn an, fuhr los und gähnte. Ein Blick auf die Uhr verriet mir, dass es zwei Uhr in der Nacht geschlagen hatte, und zwar nicht auf der Uhr im Spiel, sondern der echten Uhr. In der Realität. Und das, obwohl ich gar keine Uhr besitze, die in irgendeiner Form schlagen kann. Ich hatte lediglich einen Blick auf meinen zweiten Bildschirm geworfen, auf dem rechts unten eine Uhr zu sehen ist. Die nicht schlägt. Schlagende Uhren sind nichts für mich. Meine Eltern besaßen früher eine Wanduhr im Wohnzimmer, die jede volle Stunde ein lautes Gebimmel von sich gab, das den Anwesenden verriet, wie viel Uhr es war. Das Geräusch der Uhr werde ich wie das der Räder während der Urlaubsfahrten nicht mehr vergessen. Vor allem während des Guckens von Filmen war es immer äußerst angenehm, von lauten Gongs aus der Atmosphäre gerissen zu werden. In meinem LKW wurde ich aus keiner Atmosphäre gerissen. Eher verdichtete sie sich. Ich hatte einen Fehler begangen. Ich hatte um zwei Uhr einen Auftrag angenommen, der mich zwei Stunden lang beschäftigen würde. Außerdem hatte ich nicht mehr genügend Zeit, um das Spiel zu beenden, um am nächsten Morgen weiterzuspielen. Die Lieferfrist lief in wenigen Stunden ab. Dies würde in meinem ersten gescheiterten Auftrag resultieren. In über zweihundert Stunden Spielzeit. Ich schüttelte den Kopf, rückte meine Kappe gerade, streckte mich ein paarmal und trat auf das Gaspedal. Süditalien wollte einen Bagger haben. Also sollte Süditalien auch seinen verdammten Bagger bekommen.

Eine unterhaltsame Funktion in »Euro Truck« stellt das Radio dar. Man kann in einer Textdatei URLs zu Onlineradios hinterlegen, um sie über das LKW-Radio abspielen zu lassen. Während ich von vielen Spielerinnen und Spielern mitbekommen habe, dass sie gerne Countrysender laufen lassen, bin ich eher ein Freund regionaler Sender, sowohl aus meiner aktuellen Heimat (Hit Radio FFH) als aus der Gegend, in der ich aufgewachsen bin (Radio MK). Hin und wieder greife ich noch auf ein paar speziellere Sender zurück, zum Beispiel Online-Radios, die durchgängig Soundtracks streamen. Letztere sind vor allem dann wichtig, wenn ich »Euro Truck« spiele, während mir meine Frau in der sogenannten Gemütecke in meinem Zimmer Gesellschaft leistet. Dann raten wir, zu welchem Film der soeben gespielte Soundtrack gehört. Auch das erinnert mich an die langen Urlaubsfahrten, wenn das Radio als Unterhaltungsutensil genutzt wurde. Entweder, um sich über die Nachrichten zu unterhalten, über Sketche zu lachen oder geschlossen bei irgendeinem Lied mitzusingen. In »Euro Truck« stelle ich mir immer vor, meine Frau würde mich während der Fahrt begleiten, hinten in der Kabine liegen und mich unterhalten, damit ich die Strapazen der Straße vergesse.

Ich verbot also meiner Frau, ins Bett zu gehen, da sie mir gefälligst zwei Stunden lang Gesellschaft leisten musste. Ich begründete dies mit dem unterzeichneten Ehevertrag, in den ich damals eine »Euro Truck«-Klausel einfügen ließ, die sie blind unterschrieben hatte, denn ich meine, jetzt mal ehrlich, wer liest schon einen Ehevertrag? Um es kurz zu machen: Zwei Stunden lang haben wir Soundtracks geraten. Hin und wieder musste ich sogar neue Sender suchen, als sich herausstellte, dass sich viele Soundtrack-Sender nicht auf bekannte Soundtracks spezialisiert haben, sondern alles abspielen, was sie finden können. Zum Beispiel Track fünf der zweiten CD eines Films als Russland, von dem ich nie etwas gehört habe. Selbstverständlich ist dies kein Werturteil. Die Lieder sind dadurch nicht automatisch schlecht. Aber das Spiel heißt Soundtracks-Raten. Ich gehe ja auch nicht in eine deutsche Grundschule zum Stadt-Land-Fluss-Spielen und sage: »Thema heute: Aserbaidschan und Umgebung!«

Letztendlich gelang es mir, die Mission erfolgreich abzuschließen. Ich war sehr erfreut und es fühlte sich an wie wohlverdienter Feierabend. Ich stellte den Anhänger an der vom Auftraggeber gewünschten Stelle ab, fuhr auf einen Parkplatz, schaltete den Motor aus und legte mich schlafen. Im Spiel und auch in der Realität. Ich schaltete meinen Rechner aus und ging ins Bett. Erhobenen Hauptes. Meine Fahrerehre war noch intakt. Und ich müde.

Geschichten dieser Art sind es, die »Euro Truck« für mich zu etwas Besonderem machen. Auf dem Papier fährt man natürlich andauernd lediglich von A nach B und liefert irgendein Zeug ab. Aber dieses »Auf dem Papier«-Gerede kann sowieso niemand ernst nehmen. Obwohl die Floskel mittlerweile ziemlich durchgefloskelt ist: Der Weg ist das Ziel.

Vor einiger Zeit hatten die Entwicklerinnen und Entwickler ein Weihnachtsevent abgehalten. Man musste Weihnachtsgeschenke ausliefern. Wer zwölf Geschenke verteilt hatte, erhielt zur Belohnung einen kleinen Plüschbären für den Rückspiegel. Natürlich haben LKWs keine Rückspiegel, aber ich habe keine Ahnung, wie man den Bereich nennt, an dem in PKWs der Rückspiegel hängt. Trotzdem weiß jetzt vermutlich jeder, wovon ich rede. Und wer mich kennt, der weiß auch, dass ich mir eine solche Gelegenheit nicht entgehen lassen kann. Ich wollte diesen Bären haben. Leider ließ mich mein Gedächtnis im Stich, wodurch ich erst am letzten Tag des Events daran erinnert wurde, dass es stattfand. Das bedeutete: Zwölf Lieferungen an einem Tag. Ich war fest entschlossen, es zu schaffen, setzte mich in die Fahrerkabine und trat aufs Gaspedal. Acht Stunden lang. Verdammte acht Stunden lang spielte ich »Euro Truck«, um einen Plüschbären zu erhalten. Ich fuhr ganze 5.396 Kilometer durch Europa, ohne mich auch nur eine Minute zu langweilen. Die meisten Fahrten verliefen problemlos. Manchmal baute ich einen Unfall. Einmal einen schweren. Doch auch eine beschädigte Fracht muss abgeliefert werden. Selbst vor Geschwindigkeitsüberschreitungen machte ich nicht halt. Der Weihnachtsmann benötigte meine Hilfe und die sollte er bekommen. Zum Dank erhielt ich meinen geliebten Plüschbären. Acht Stunden trucken können sich wirklich nach Arbeit anfühlen. Meinen anschließenden Feierabend hatte ich mir redlich verdient.

»Euro Truck« ist ein unglaublich gutes Spiel. Es hilft mir beim Abschalten. Ich muss mich auf die Straße konzentrieren und vergesse dadurch das ganze Trara der echten Welt. Wenn Spielerinnen und Spieler davon reden, dass Videospiele ihnen dabei helfen, der echten Welt zu entkommen, denke ich an »Euro Truck«. Kein anderes Spiel hat mich bisher so vereinnahmt und unterhalten. Eine kleine Lieferung am Abend und ich kann entspannt ins Bett gehen. Ich nehme das Spiel auch nur bedingt ernst. Ich muss nicht perfekt fahren. Ich achte nicht auf jede kleine Verkehrsregel. Wenn mich eine KI-Fahrerin oder ein KI-Fahrer falsch überholt, überhole ich zurück. Wer mir den Weg abschneidet, kann auch mal im Straßengraben landen. Manchmal brülle ich aus meiner Fahrerkabine andere Verkehrsteilnehmerinnen und -teilnehmer an. Ich hupe. Ich fahre zu dicht auf. Ich werde zu dem, was ich in der Realität verabscheue: Zu einem rücksichtslosen Fahrer, der denkt, er sei der König der Straße. Nur ist das in »Euro Truck« eben auch der Fall. Zumindest rede ich mir das seit über zweihundert Stunden immer wieder gerne ein.

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